Sie sind hier: Startseite / Termine / Antisemitismus/Erfahrungen: Spätfolgen der Shoah und Antisemitismus heute

Antisemitismus/Erfahrungen: Spätfolgen der Shoah und Antisemitismus heute

Tagung Szenisches Erinnern II: Antisemitismus ist ein aktuell weit verbreitetes und historisch tief verwurzeltes Phänomen. Über Jahrhunderte gehörten dazu Vertreibungen und Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland und in anderen Ländern. Die systematische Verfolgung und Vernichtung jüdischer Frauen, Männer und Kinder im Nationalsozialismus ist jedoch historisch einzigartig. Gegenstand der Tagung sind einerseits die Erfahrungen von Antisemitismus bei Überlebenden und ihren Nach­kommen im Kontext des szenischen Erinnerns der Shoah in der deutschen Gesellschaft. Anderer­seits werden verschiedene Formen von Antisemitismus nach Auschwitz und damit verbundene Vermittlungsprozesse in - auch intergenerationalen - Interaktionszusammenhängen von TäterInnen und MitläuferInnen der NS-Verbrechen thematisiert. Zudem wird in intersektionaler Perspektive nach dem Verhältnis von Antisemitismus zu anderen Ausgrenzungspraktiken gefragt, besonders in Hinblick auf "Fremde" und "Andere".
Wann 08.09.2012 um 10:00 bis
09.09.2012 um 14:00
Wo Fachhochschule Frankfurt/Main, Nibelungenplatz 1
Termin übernehmen vCal
iCal

Auschwitz ist historische Vergangenheit, die Erfahrungen der Shoah sind es nicht. Das extrem traumatisierende Geschehen belastet Überlebende, ihre Kinder und Kindeskinder bis heute. Das ihnen zugefügte Leid wurde durch eine in der Bundesrepublik vielerorts fehlende gesellschaftliche Anerkennung nachträglich noch verstärkt. So zeigen sich bei manchen Nachkommen von Über­lebenden Symptome, die von Menschen erwartet werden könnten, die selbst Opfer der NS-Verfol­gung waren.

Antisemitische Phantasmen und Projektionen wirken bei den TäterInnen, MitläuferInnen und ZuschauerInnen der NS-Verbrechen über die vermeintliche Stunde Null hinaus fort. Noch ihre Nachkommen sind mit der Erfahrung von Antisemitismus in der Weise konfrontiert, dass in ihnen die schuldhaften Verstrickungen der Eltern und Großeltern auf widersprüchliche Weise wirksam bleiben. Schuld- und Erinnerungsabwehr sind der Kern des Antisemitismus nach – und zum Teil auch wegen – Auschwitz. Klassische antisemitische Stereotype überdauern in neuem Gewand – und dies nicht nur in rechtsextremen Kreisen.

Ziel dieser Tagung ist es, die unterschiedlichen Dimensionen, Wirkungsweisen und Erfahrungen von Antisemitismus nach Auschwitz aus verschiedenen Perspektiven zu thematisieren, bewusst zu machen und so eine eigene Auseinandersetzung anzustoßen. Im Einzelnen geht es etwa um folgende Fragen:

  • Wie wird Antisemitismus in Überlebenden-Familien szenisch erinnert? Und welche Bedeu­tung haben vor diesem Hintergrund neue Erfahrungen von Antisemitismus?

  • Wie erhalten und erneuern sich bei TäterInnen oder MitläuferInnen antisemitische Poten­tiale nach 1945? Wie werden diese an ihre Nachkommen weitergegeben?

  • Durch welche Mechanismen vollzieht sich die gesellschaftliche (Re)Produktion von Anti­semi­tismus nach Auschwitz?

  • Wie wird Antisemitismus im Selbsterleben von jüdischen und nicht-jüdischen Menschen in Deutschland sowie in deren Begegnungen wirksam?

  • Welche intersektionalen Verbindungen des Antisemitismus nach Auschwitz gibt es mit ande­ren Diskriminierungs- und Exklusionserfahrungen?

Diese Fragen erfordern primär qualitativ-empirische Zugänge. Die verschie­denen Tagungsbeiträge basieren auf sozialpsychologischen, sprach- und sequenzanalytischen, psychoanalytisch-tiefen­hermeneutischen und gruppenanalytischen Untersuchungen der verschiedenen Äußerungs- und Herstellungsformen von Antisemitismus und seinen unterschiedlichen Erfahrungs­weisen. Dabei ergibt sich bereits aus der psychischen und gesellschaftlichen Langzeitwirkung der Antisemitismus/Erfahrungen – insbesondere der Shoah – notwendig eine Verknüpfung von geschichtlichen und aktuellen Perspektiven und Erfahrungsbezügen.

Während die Forschungen zu Antisemitismus als gesellschaftlichem Phänomen und seinen Aus­wirkungen umfassend sind, fehlt es bisher an systematischen und umfassenden Untersuchungen der verschiedenen subjektiven und intersubjektiven Erfahrungs- und Verarbeitungsdimensionen. Die multiperspektivische Herangehensweise dieser Tagung ist innovativ und eröffnet einen Zugang zu einer in dieser Verschränkung bisher nicht bearbeiteten Dimension von Antisemi­tismus.

Die Tagung Antisemitismus-Erfahrungen setzt die Fragestellungen der ersten Tagung zu Szenische Erinnerungen der Shoah im Jahr 2007 mit neuer Perspektive fort.

Eröffnet wird die Tagung mit einem Vortrag des international renommierten Antisemitismus­forschers Lars Rensmann. Die übrigen Tagungsbeiträge werden durch WissenschaftlerInnen bestrit­ten, die der interdisziplinären und überregionalen Forschungsgruppe am Sigmund-Freud-Institut zu den psychosozialen Spätfolgen der Shoah angehören.

Die Tagung richtet sich an ErziehungswissenschaftlerInnen, PsychologInnen, Psychothera­peutInnen, PsychoanalytikerInnen, Geschichts-, Sozial- und KulturwissenschaftlerInnen und an die interessierte Öffentlichkeit.

Weitere Informationen über diesen Termin…

abgelegt unter:
Navigation